Wackersdorf – 30 Jahre danach

Tagestour am 23.06.2019: ca. 250 Kilometer

Wackersdorf in der Oberpfalz

Warum Wackersdorf ? Auf das Thema gekommen bin ich per Zufall – ich hab vor Kurzem eine Dokumentation über Irmgard Gietl (89) gesehen, einer Frau aus der Nähe von Wackersdorf, die „Widerstandssocken“ für die Demonstranten gestrickt hat und auch selbst als dreifache Mutter mit mitte 50 gegen die WAA demonstriert hat. Ich bin Jahrgang 1974 und sogar ich kann mich noch daran erinnern, dass Wackersdorf mitte der 1980er Jahre täglich in den Nachrichten war und dramatische Bilder von den Demonstrationen gezeigt wurden, ohne dass ich damals wirklich verstand, was da genau passierte.

Am 31. Mai 2019 jährte sich zum 30. mal der Tag, an dem der Baustop der Atomaren Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf (kurz WAA) bekannt gegeben wurde. Im damals (Deutschland war noch geteilt und Franz Josef Strauß war noch Ministerpräsident in Bayern) extrem strukturschwachen Gebiet der Oberpfalz sollte im Landkreis Schwandorf bei Wackersdorf auf 120 ha (ca. 170 Fussballfelder) eine Anlage entstehen, die Atommüll wieder aufbereitet. Als erste Gerüchte und Details bekannt wurden, entwickelte sich eine Protestbewegung sondersgleichen, die in Massendemonstrationen und deutschlandweiten Kundgebungen von Atomgegnern und Umweltschützern, aber auch von ganz normalen Leuten aus der Bevölkerung rund um Wackersdorf mündeten. Dieser „Widerstand“ war unter anderem auch ein Grund, warum 1989 der Bau eingestellt wurde.

Irgendwann kam der Gedanke bei mir auf, mir die Sache doch mal vor Ort anzusehen. Wie gesagt, Wackersdorf liegt im Landkreis Schwandorf in der Oberpfalz, das sind über den Daumen gepeilt gute 100 Kilometer von Ingolstadt entfernt. Gut für eine schöne Tagestour.

Es soll aber keine politische und historische Bewertung der Ereignisse von damals werden, sondern ein Tourenbericht von dem, was ich heute erlebt und gesehen habe.

Bevor ich mir hier aber die Finger wund schreibe:  Am Ende des Berichts werde ich ein paar Infos zum Thema Wackersdorf und WAA verlinken.

Die Schambach – wunderschöner Einstieg 🙂

Aber jetzt geht´s mal um´s Fahren. Es war ein wunderschöner Sonntag mit bis zu 24° laut Wetterbericht. Ich hab mich richtig gefreut, denn eine tolle Strecke mit schöner Landschaft lag vor mir. Von Ingolstadt fuhr ich erstmal raus Richtung Osten, Richtung Riedenburg. Der Weg dahin führte mich durch das schöne Schambachtal. Es ging ein leichter Wind, es war einfach nur herrlich. Bei Riedenburg verließ ich das Altmühltal und über Hemau und Beratzhausen und einer kleinen Etappe durch das Labertal erreichte ich bei Kallmünz das Naabtal. Bilderbuch und Urlaubsprospekt 😉

Das schöne Schambachtal

Absolute Ruhe

Schloß Hexenagger im Altmühltal

Blick zurück ins Schambachtal

Das schöne Riedenburg

Der Weg ist das Ziel

In Burglengenfeld lag das erste Zwischenziel meiner Reise – hier fand am 26./27. Juli 1986 das bis dahin größte Rockkonzert auf deutschem Boden statt. Ca. 100.000 Menschen besuchten das „Anti-WAAhnsinns-Festival“ im Lanzenanger in Burglengenfeld. Größen wie BAP, Grönemeyer, Die Toten Hosen, Lindenberg und Rio Reiser zeigten auf ihre Weise, wie sie zur WAA standen…heute erinnert ein Gedenkstein an dieses Ereignis

Gedenkstein an das Anti-WAAhnsinns-Festival

Die Inschrift

Nach Burglengenfeld führt mich mein Weg über das schöne Teublitz Richtung Oberpfälzer Seenland. Ich war total geplättet. Hier entstand über die letzten Jahre eine wunderschöne Urlaubsregion für alle Ansprüche. Hammer, steht bei mir auf der Liste für die Zukunft. Mehrere schöne Seen bei Steinberg am See und Wackerdorf eingerahmt von schönen Wäldern. Richtig Klasse…seit diesem Jahr auch mit neuer Sehenswürdigkeit: Die Erlebnis-Holzkugel von Steinberg. 40m hoch und wenn man ganz oben ist, hat man vermutlich einen traumhaften Blick über das wunderschöne Seenland. Und für die Mutigen gibt es eine Rutsche nach unten im Inneren der Kugel.

Die Holzkugel von Steinberg am See

Kurz nach diesem Bild hatte ich Wackersdorf erreicht. Mein eigentliches Ziel ist aber das ehemalige Gelände der WAA, dem heutigen „Innovationspark Wackersdorf“ nordöstlich der Ortschaft im Taxölderner Forst. Vorneweg: Das Gelände ist, wie schon gesagt, gigantisch groß. Ich hab´s einmal umrundet, das dauert schon ein wenig. Im Gelände ist die Sache selber heute natürlich ziemlich unspektakulär. Ist halt ein Industriepark. Zwei Gebäude der WAA wurden damals fertiggestellt und werden heute als Industrie- und Lagerhallen verwendet.

Eines von zwei fertiggestellten Gebäuden der WAA

Im Südosten der Anlage, im „Blaubeer-Wald“, befindet sich das „Franziskus-Marterl“. Ein sehr besinnlicher Ort, den man auch nur zu Fuß oder mit dem Radl erreichen kann. Hier trafen sich die Demonstranten früher sonntags zum gemeinsamen Gebet, bevor sie dann zum Bauzaun weiterzogen. Ursprünglich wollte man hier eigentlich eine Kapelle bauen, aber man hat sich für ein Marterl entschieden, damit man keine Baugehehmigung braucht (Da ging´s um die Größe). Heute ist diese Stelle ein Mahnmal, eine Informationsquelle, aber vor allem ein Ort der Stille und Einkehr, an dem sich die Menschen auch heutzutage noch zu Andachten treffen. Hier ein paar Impressionen:

Das Franziskus-Marterl (links im Bild)

Tafel am Marterl

Die Eiche des Widerstandes

Das „2.“ Kreuz von Wackersdorf

Eigentlich hing an dieser Stelle das ursprüngliche Kreuz von Wackersdorf, aber in einer Februar-Nacht verschwand dieses, nur die abgebrochenen Hände blieben zurück.

Die abgebrochenen Hände vom Kreuz von Wackersdorf

Mosaikherz im Boden vor dem Kreuz – alles gesagt !

Infotafel

Kleines Dankeschön…

Wenn man sich an diesem ruhigen und besinnlichen Ort befindet, kann man sich in meiner Generation gar nicht vorstellen, mit wieviel Gewalt der Protest damals von seiten der Regierung unterdrückt wurde. Wegen einer Anlage, die „nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichenfabrik sei“ (Zitat Franz Josef Strauß). Wenn man sich Dokumentationen oder (auch sehr zu Empfehlen) den 2018 erschienen Spielfilm „Wackersdorf“ ansieht, kann man als normal denkender Mensch oft nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen…..

Ca. 5 Kilometer südöstlich vom „Franziskus-Marterl“ liegt der kleine Ort Kölbldorf. Hier steht am Ortseingang ein Bauernhof, dessen Scheunentüren damals sehr bekannt wurden. Der Landwirt, der auch heute noch da wohnt, hat den Schriftzug auf den Toren gelassen, so dass man auch nach über 30 Jahren noch lesen kann, was er damals geschrieben hat. Leider war ein Teil der Schrift heute nicht zu lesen, da die Scheune zum Teil offen stand. Komplett würde da stehen: „CSU Nein“ und „Hier sieht man den Überwachungsstaat“.

Scheunentüren in Kölbldorf

Schön langsam machte ich mich wieder auf den Heimweg. Nach dieser sehr bewegenden „geschichtlichen und politischen“ Exkursion tat es sehr gut, einfach wieder drauf los zu fahren und das Erlebte sacken zu lassen. Das „Sacken lassen“ dauerte aber heute mal etwas länger…

Für den Rückweg nahm ich natürlich wieder die Route über das Naabtal, durch´s Altmühltal und an der Schambach entlang, es ist einfach eine wunderschöne Strecke. Ich fuhr auf der bayrischen Eisenstraße und der Straße der Kaiser und Könige 😉

Burg Kallmünz

Das schöne Naabtal bei Kallmünz

Unfassbar schöner Blick bei Painten

Auf Burg Prunn hoch über dem Altmühltal

Ingolstadt mal von der „industriellen“ Seite – von Osten aus gesehen.

Gegen 18 Uhr und nach guten 250 Kilometern erreichte ich dann auch Ingolstadt. Abgesehen vom wahnsinnig interessanten, sozialen, historischen und politischen Background der ganzen Geschichte um die WAA bin ich immer noch total überrascht, wie schön diese Gegend um Schwandorf ist. Da war ich sicher nicht zum letzten Mal. Einfach nur schön 🙂

Fazit des Tages: Ich bin froh und glücklich, dass es heute so ist wie es ist und nicht anders 😉

Hier die Route

 

Hier die Links zum Thema WAA, Wackersdorf etc…

WAA Wackersdorf (Wikipedia-Eintrag)

Eine Chronologie der Ereignisse (Bund Naturschutz)

Anti-WAAhnsinns-Festival

Oberpfälzer Seenland

Franziskus-Marterl von Wackersdorf

Irmgard und die Widerstandssocken (BR Lebenslinien vom 16.07.2018 – SEHR SEHENSWERT !)